Die neue Orgel - auf Händen getragen

„Totalsperre auf der Autobahn!“
Christoph Goffart, Tischlermeister der Orgelbaufirma Weimbs, lässt das Handy sinken. „Das dauert noch!“ Lange Gesichter bei den zehn Helfern aus der Gemeinde Allerheiligen. Um acht Uhr war die Ankunft des Lkw, der die erste Ladung der ersehnten neuen Kirchen- und Konzertorgel an diesem 4. Februar anliefern soll, geplant. Nun ist es schon neun. Warten also.
Sechs Mitarbeiter der Firma Weimbs nutzen an diesem eiskalten Tag die Zeit im Kirchenraum und auf der Empore für Vorbereitungen, ein Teil der Helfer sucht die Wärme im Pfarrzentrum. Um 11.30 Uhr stehen sie bei frostigen Temperaturen vor der Kirche alle wieder bereit.
„Da ist er!“, ruft jemand – tatsächlich kommt der Sattelschlepper in Sicht und stoppt, nach einigen Rangiermanövern, vor der Kirche. Endlich! Freude steht in den Gesichtern. Es ist zweifelsohne ein ganz besonderer Moment. Wann erlebt man so etwas schon? Und wie wird es sein, wenn die Orgel zum ersten Mal erklingt und man weiß: Teile dieses riesigen und technisch so komplexen Instruments habe ich in die Kirche getragen?
Stundenlang Schieben, Ziehen, Schleppen
Kaum ist der Gabelstapler abgeladen und in Position, werden die Türen zum Laderaum geöffnet, der bis auf den letzten Zentimeter mit scheinbar unendlich vielen Einzelteilen, die der Laie kaum einer Orgel zuordnen würde, gefüllt ist. Dann packen alle zu.
Rasch bildet sich eine Schlange aus hilfsbereiten Gemeindemitgliedern und Weimbs-Mitarbeitern, und Orgelbaugeselle Markus Moutschen verteilt von der Ladefläche herab, was allein getragen werden kann.
„Achtung! Jetzt brauch‘ ich hier jemand links und rechts zum Stabilisieren, bitte!“ Zwei Männer treten hinzu, erst dann lässt Moutschen ein großes, schweres Einzelteil vom Gabelstapler herunterheben und sanft auf einem Rollbrett absetzen. Zu viert wird das Objekt angeschoben, bis zum Kirchenportal gerollt, über die Treppenstufe zum Eingang emporgehoben und schließlich an seinem vorläufigen Bestimmungsort abgelegt.
Chaos? Von wegen!
Zwei erfahrene Mitarbeiter der Orgelbaufirma begleiten jeden Träger zu der Stelle, an der er seine „Fracht“ vorsichtig ablegen soll. Auf, neben und über den Kirchenbänken lagern immer mehr Gehäuseteile, Holz-Gestänge, Orgelpfeifen oder technische Gerätschaften, vieles von dickem Karton oder Brettern geschützt und so verpackt, dass nur die Profis wissen, wie der Inhalt baulich zuzuordnen ist.
Der frisch sanierte Kirchenraum erhält von Stunde zu Stunde ein bizarreres Aussehen. Doch in dem scheinbaren Durcheinander steckt ein exakt durchdachtes System. Was wird auf der Empore zuerst benötigt? Vom Fundament aus und in Schichten von hinten nach vorne werden die beiden mehr als acht Meter hohen Prospektteile aufgebaut. Ein Lastenlift hilft, die vielfach schweren, unhandlichen Einzelteile vom Kirchenraum aus nach oben zu verfrachten.
Auch am nächsten Tag stehen erneut Helfer bereit, die es nicht versäumen wollten, die Orgel – wenn auch in Stücken – zu ihrem neuen Wirkungsort zu tragen. Diesmal enthält die Lieferung auch den Spieltisch mit seinen drei Manualen (Tastaturen).
Bewundernde Blicke begleiten seinen Einzug in die Kirche – schließlich steht der Spieltisch aber erst einmal abgedeckt in einer Ecke. Es wird dauern, bis sein Einsatz auf der Empore gefragt ist. Denn dort errichtet Markus Moutschen mit zwei Mitarbeitern soeben ein meterhohes Metall-Gerüst, und Christoph Goffart beugt sich über einen auf dem Boden ausgerollten, beeindruckenden Aufbauplan…
Der Laie erkennt darauf – quasi nichts. Doch bereits vor Ostern wird fast alles, was nun den Kirchenraum füllt, auf der Empore verbaut sein. Natürlich auch die hölzernen und die aus Metall gefertigten Pfeifen.
Das einmalige Gesicht
Aktuell lehnen sie im Altarraum, ruhen auf Sitzbänken oder stehen, brav aneinandergereiht, im Seitenschiff. Später klingen sie etwa wie Trompeten, Posaunen, Streichinstrumente, Klarinetten, tiefste Bässe - oder auch ganz sphärisch: Sogar ein komplettes Vibraphon ist in die Orgel integriert.
Nur eine Lieferung steht im März noch aus: die meterhohen, metallenen Frontpfeifen. Wer den Blick zur Empore erhebt, sieht sie. Neben ihrer Klangfunktion geben sie diesem einmaligen Instrument am Ende sein „Gesicht“.
Text: Anabel Schaffer