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Predigt von Pfarrer Gast zu Pfingsten in Zeiten von Corona 2020

Datum:
Veröffentlicht: 30.5.20
Von:
Detlef Hinz-Hemmers
Krisen – so wie jetzt – regen zum Nachdenken an, Weichenstellungen vorzunehmen und Dinge zu verändern gerade jetzt, wo wir Pfingsten feiern.

Pfingsten in Zeiten von Corona 2020

Endlich wieder mit Freunden treffen. Endlich wieder zu den Eltern fahren. Endlich wieder unbeschwert in die Eisdiele gehen. Endlich wieder einen Sonntagsbraten im Wirtshaus genießen. Endlich wieder einen Gottesdienst mit anderen zusammen erleben und nicht nur auf der Couch zuhause. Endlich wieder zur Kommunion gehen. Ja, endlich wieder raus aus den eigenen vier Wänden - angstfrei und ohne große Komplikationen. Endlich öffnen sich wieder Türen von Geschäften, von Gasthäusern und Hotels, von Kindergärten und Schulen, von Tiergärten und Freizeitparks. Viele atmen auf nach so vielen Wochen der Einschränkungen und der geschlossenen Türen. Menschen kommen wieder ins Gespräch von Angesicht zu Angesicht, sie nehmen einander wahr. Sie verstehen sich und schauen sich in die Augen ohne die Barriere einer Video- oder Telefonkonferenz. Freilich immer noch mit Abstand. Das Risiko nämlich bleibt. Und dennoch, endlich: Herbeigesehnte Öffnungen werden Wirklichkeit. Türen gehen auf! Was für ein Pfingstfest in diesem Jahr in Zeiten von Corona 2020.

Das erste Pfingstfest damals in Jerusalem kommt uns 2000 Jahre danach in unserer derzeitig erlebten Erfahrung ganz nah und geht unter die Haut. Die Jüngerinnen und Jünger damals sind verschanzt in ihren eigenen vier Wänden, eingeschlossen, Türen und Fenster sind zu. Abgeschnitten sind sie von der Außenwelt – voller Angst, was ihnen draußen Schlimmes widerfahren könnte. Ihre Angst ist ja auch durchaus berechtigt und real. Sie müssen wirklich um ihr Leben fürchten als Anhänger dieses Jesus, den man getötet hatte. Doch dann – wie ein Wunder: das Geschenk des Himmels, ein Brausen und Stürmen mit dem Feuer der Leidenschaft. Das Geschenk des Himmels, der Heilige Geist nimmt ihnen die Angst. Sie öffnen die Fenster und Türen und sie gehen hinaus in die Welt. Mutig sprechen sie darüber, was ihr Herz erfüllt. Voller Vertrauen wenden sie sich den Menschen zu, nehmen sie die Menschen wahr von Angesicht zu Angesicht. Sie verstehen sich. Menschen hören sie Gottes große Taten verkünden über Sprachbarrieren hinweg. Das Risiko freilich bleibt trotz ihres Mutes. Mit diesem Risiko aber eben auch mit der Kraft des Geistes beginnen sie ihre Mission und nichts wird sie mehr aufhalten dabei. Was für ein Pfingstfest damals in Jerusalem – 50 Tage nach Ostern.

Die Mission von damals geht weiter. Durch uns als Kirche. Nicht ohne Risiko, wenn wir Gottes große Taten verkünden über Sprach- und Ländergrenzen hinweg. Übrigens nicht nur über Sprach- und Ländergrenzen hinweg. Viele andere Grenzen haben sich im Laufe

der Kirchengeschichte aufgetan. Grenzen der Angst und des Machtverlusts. Grenzen gegenüber Neuem und Fremdem. Grenzen gegenüber Menschen, deren Leben nicht nach Plan verläuft und gegenüber solchen, die anders leben und lieben, die anders sind und so nicht der Norm entsprechen. Menschen werden nicht verstanden in ihrem Anderssein. Gottes Geist wurde so immer mehr ausgebremst aus Angst und Menschenfurcht und das inmitten der Kirche, die doch eigentlich kraft des Geistes jegliche Angst und Menschenfurcht überwunden hat.

Bischof Georg Bätzing, der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz hat in diesen Tagen festgestellt, dass wir als Kirche nach Corona nicht einfach zur Tagesordnung übergehen können. Also nicht einfach dort weitermachen, wo wir vor der Krise aufgehört haben. Damit meint er unter anderem, das neue Nachdenken über die Themen des eingeschlagenen Synodalen Wegs der Kirche in Deutschland. So die Frage nach Macht und Einfluss der Kirche. Auch die Rolle der Frau stellt sich neu. Ich zitiere Bischof Bätzing: "Wenn in der Krise die Frauen die Verliererinnen sind, weil sie die Hauptlast in den Familien schultern und beruflich zurückstecken, dann stellt sich auch die Frage nach der Rolle der Frauen in der Kirche noch deutlicher." Weiter stellt der Bischof fest: "Nicht wenige leiden darunter, dass ihre Beziehung nicht die volle kirchliche Anerkennung erfährt, etwa weil sie wiederverheiratete Geschiedene sind oder in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben."

Krisen – so wie jetzt – regen zum Nachdenken an, Weichenstellungen vorzunehmen und Dinge zu verändern gerade jetzt, wo wir Pfingsten feiern. Mit dem Geschenk des Himmels, dem Heiligen Geist können wir vertrauensvoll und mutig unsere Mission als Kirche weiterverfolgen, Gottes große Taten verkünden allen Menschen ohne Grenzen, grenzenlos. Gottes Geist will Türen öffnen und nicht schließen. Gottes Geist will, dass Menschen wieder aufatmen, dass sie Angst und Menschenfurcht überwinden, dass sie sich verständigen auch in aller Unterschiedlichkeit. Ohne Risiko geht das freilich alles nicht aber mit dem Geist Gottes sehr wohl.