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Vom Baldachin bis zur Akustik-Decke: Die Sanierungsarbeiten in der Kirche Allerheiligen bieten auch Überraschungen...

Kirchenmaler Robert Dörfler hat es mit verschiedenartigen Verschmutzungen zu tun
Datum:
Veröffentlicht: 26.8.24

Neue Barthaare für Jesus

So gleichmäßig wie schwungvoll streicht Claudia Entschladen über den unteren Rand des großen Christus-Baldachins. Mit einer Hand strafft sie das Gewebe, die andere führt einen kleinen Latexschwamm, der sich zusehends schwarz färbt. Streifen für Streifen geht die Textilrestauratorin dem am Prunkdach angelagerten Schmutz an den Kragen.
Der erste Schritt dieser trockenen, mechanischen Oberflächenreinigung (abrasive Methode) erfolgte durch klopfendes Absaugen mit einer rosshaarverstärkten Ziegenhaarbürste. Nun werden Vorder- und Rückseite ebenso systematisch mit dem Trockenschwamm gereinigt. „Die Herausforderung bei diesem Objekt ist zunächst einmal seine Größe.“ Die erfahrene Restauratorin atmet durch, lässt die Hände sinken und den Blick über den im alten Pfarrsaal ausgelegten, 7,8 Meter langen Baldachin schweifen. 1956 wurde er von Professor Hans Uhl entworfen und von Dominikanerinnen im Bamberger Heiliggrabkloster gefertigt. „Das ist eine sehr durchdachte, detailreich konzipierte, aufwändige Arbeit, mit einer großen Anzahl verschiedener Gewebe und Farben!“
Begeistert verweist sie u.a. auf patchworkartige Bereiche. Doch gibt der Baldachin auch Rätsel auf. Da sind etwa zwei Schlitze im Gewebe, die heute geschlossen sind. „Vielleicht gab es mal eine andere Hängung?“, vermutet Claudia Entschladen. Oder dieser über die gesamte Breite verlaufende Streifen in Höhe des Oberkörpers der Christusdarstellung:
„Ich habe alles in gleicher Weise bearbeitet. Trotzdem ist das Gewebe hier viel stärker verschmutzt, gerade auch der Hals von Christus.“ Eine Nachreinigung ist bereits beschlossene Sache. Ob der Hals wieder ganz rein wird? In jedem Fall hat Jesus unterschiedlich gearbeitete Füße, und sein Bart aus Wollplüschgewebe war an einigen Stellen für Motten ausgesprochen lecker. Die Restauratorin schmunzelt: „Ich habe Jesus bereits neue Barthaare implantiert.“


Die Allerheiligenkirche nebenan füllt indes ein Gerüst enormen Ausmaßes. Die Kirche ist nur über Baustrom beleuchtet, der Boden mit diffusionsoffenem Flies abgedeckt, die Wandmalereien und der Kreuzweg geschützt, der Altar eingehaust, die Kerzenleuchter abgehängt.
Kirchenmaler und Elektriker (u.a. sollen Strahler die farbigen Wandmalereien besser in Szene setzen, und auch die Gemeinde wird sich beim Lesen künftig leichter tun) sind bereits am Werk, und auf der Empore wird – mit Blick auf den Einbau der neuen Orgel 2025 (siehe Spendenkonto) – eine Bodenstufe abgetragen.
Seit 2023 ist die freiberufliche Architektin Ursula Huber mit den Vorarbeiten befasst - nun ist die „bestandsbewahrende Instandsetzung“ der Kirche in vollem Gang. „Alle monochromen Wandflächen, auch die Akustik-Decke und die hölzerne Unterdecke, werden trocken gereinigt, da wir damit unser Ziel erreichen und diese Flächen nicht erneut mit Farbe belasten müssen“, erläutert die primär in der Denkmalpflege tätige Architektin. „Bei der Altar- und Orgelrückwand, eventuell auch bei der Seitenschiffdecke, gehe ich allerdings davon aus, dass sie neu gestrichen werden – das müssen wir noch testen. Alles hier geschieht in enger Absprache mit dem bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, dem Denkmalschutz der Stadt Nürnberg und der erzbischöflichen Bauabteilung in Bamberg.“
Für den zweiten Bauabschnitt werde das Riesengerüst dann in den Altarraum versetzt. Noch aber schieben sich darauf Kirchenmaler Robert Dörfler und drei seiner Mitarbeiter in bis zu 14 Meter Höhe konzentriert von Wandabschnitt zu Wandabschnitt. Auch hier folgt dem Absaugevorgang nun das Wischen – mit Schwämmen, die nicht größer sind als sechs mal vier Zentimeter. Mini-Schwämme für diese riesigen Flächen? „Je größer der Schwamm, desto weniger gründlich ist die Reinigung“, klärt Dörfler im weißen Schutzanzug lächelnd auf. „Diese Trockenreinigung ist letztlich eine Radierung – wir kennen am Ende jeden Quadratzentimeter der Kirche!“
Die Oberflächenverschmutzung ist sehr unterschiedlich: „Viel Staub, Verwirbelungen auch von Kerzenruß, Weihrauch… Und einige Bereiche sind durch Kondensfeuchte und daraus resultierende Sporenbildung verschmutzt. Vielleicht müssen wir hier zusätzlich behandeln.“ Insgesamt sei der Anstrich jedoch so stabil, dass sich die Verschmutzung gut abnehmen lasse.
In einigen Wochen werde „alles heller und frischer aussehen, die Luft wird besser sein, und die Wände sehen aus wie neu gestrichen.“ Ob die Gemeinde die Sanierungsergebnisse tatsächlich bereits an Weihnachten bewundern kann? Die Architektin antwortet so zuversichtlich wie vorsichtig: „Das ist das Ziel!“


Text: Anabel Schaffer
Alle Fotos: Tilmann Grewe


Spendenkonto für die neue Orgel:
Katholische Kirchenstiftung Allerheiligen, IBAN: DE27 7509 0300 0005 1156 12
LIGA Bank eG, BIC: GENODEF1M05