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Lasersanierung der Fresken in der Allerheiligenkirche

Sanierungs-Endspurt in der Allerheiligenkirche: Laserlicht reinigt die wohl einzigartigen Wandmalereien
Datum:
19. Nov. 2025
11 Bilder

Farbstarke Heilige, frappierende Details und ein Riss


Mitreißen sollen sie die Kirchenbesucher. Vom Eingang bis hin zum Altar ganz vorne, bis hin zu Gott. Ideell tun das die überlebensgroß gemalten Heiligen in der großen, als Versammlungsraum gestalteten Allerheiligenkirche seit 1956. Jedoch dämpfte die sie zunehmend überziehende, inzwischen starke Verschmutzung ihre Farbenpracht und Strahlkraft. Das minderte nicht nur die künstlerische Wirkung des Heiligenzugs, sondern auch den vom Künstler beabsichtigten optischen Eindruck für die Gläubigen, von „allen Heiligen“ in die Kirche geleitet zu werden, beträchtlich.

Auch jene für die Erkennung oft hilfreichen Details an den überlebensgroßen Figuren waren häufig kaum mehr auszumachen. Die Namenspatronin oder einen verehrten Fürsprecher in der Heiligenschar ausfindig machen? Ein Rätselspiel. „Weißt Du, wer das sein soll?“ Ein Paar steht, die Köpfe in die Nacken gelegt, grübelnd vor einer der mit Wandmalereien der Heiligenschar großflächig überzogenen Kirchenwände. Sie deutet auf eine Figur, er schüttelt den Kopf. Ähnliche Szenen gab es viele in den vergangenen Jahren.

Wie einzigartig und herausragend die Wandmalereien auf enormen 355 Quadratmetern in der unter Denkmalschutz stehenden Nachkriegskirche sind, war sicherlich den wenigsten Besuchern bewusst. Am diesjährigen Fest Allerheiligen jedoch, war der Eindruck für die Gottesdienstbesucher bereits ein ganz anderer: Etliche Heilige strahlten bereits in ungewohnter Frische von den Wänden. Geschieht mit der Sanierung der Wandmalereien doch „der vorerst letzte große Schritt“ der bestandsbewahrenden Instandsetzung der Allerheiligenkirche im katholischen Seelsorgebereich Nürnberg Nord-Ost, erklärt die zuständige Architektin, Ursula Huber. „Spätestens Ende des Jahres ist Schluss mit den bislang geplanten Sanierungsmaßnahmen.“

Fortschritt live erleben
Die Geduld der Gemeinde wurde während der gesamten Sanierungszeit – inklusive des zeitintensiven Aufbaus der neuen Orgel und deren Intonation – durchaus geprüft. Nun aber können die Kirchenbesucher am Sanierungsendspurt teilhaben und den spannenden Fortschritt an den Wandmalereien von Woche zu Woche live miterleben. Vergleicht man bereits bearbeitete und noch verschmutzte Abschnitte, wird der Unterschied beeindruckend augenfällig. Und an die beiden Hebebühnen im Kirchenraum hat man sich inzwischen ebenfalls gewöhnt.

Leer muss die Kirche allerdings aus Sicherheitsgründen sein, wenn Diplom-Restaurator Fabian Schorer mit modernsten Mitteln ans Werk geht. „Der Laser an sich ist höchst gefährlich, daher wird auch kein Gerüst genutzt, das Strahlen reflektieren würde, sondern die Arbeitsbühne eingesetzt. Das ist viel sicherer“, erklärt der Spezialist für Restaurierung von Wandmalereien und Steinobjekten.

Und auch er muss Pausen vom brandgefährlichen, gebündelten Licht einlegen: „Nach einer Weile geht einem der bis zu elf Zentimeter breite feine Laserlichtstrich im wahrsten Sinne auf den Geist.“ Eben hat er noch in etlichen Metern Höhe am Gesicht von Sozialpionier Adolph Kolping gearbeitet, dem Ende Oktober 1991 seliggesprochenen Gründervater der katholischen Gesellenvereine. Kolping – sein Name steht synonym für das soziale Engagement der Kirche – führt eine Figurengruppe an, die symbolisch die „Kirche auf Erden“ darstellt. Die Heilige Edith Stein beschließt diese Gruppe und damit auch die wandfüllende Malerei der rechten Kirchenseite (vom Eingang aus gesehen).

Von oben genial gedacht
Fabian Schorer nimmt die Schutzbrille vom Kopf, geht langsam vor zum Altar und wendet den Blick dabei kaum von der Kunst. „Es ist eine irrsinnige Leistung, so etwas auf die Wand zu kriegen! Ich bin absolut beeindruckt, was Professor Hans Uhl hier geschaffen hat. Man findet zwar einiges über ihn – hauptsächlich hat er ja Glasarbeiten kreiert. Zwar hat er für St. Vitus in Rottendorf bei Würzburg ein Deckenbild geschaffen, eine weitere Wandmalerei von ihm ist mir jedoch nicht bekannt. Meines Wissens sind diese Wandmalereien hier einzigartig.“

Die überlebensgroßen Figuren stehen in zwei, manchmal drei Reihen, bisweilen gebe es Zwischenpersonen, beschreibt Schorer die Anordnung der Heiligen auf den Wänden und verweist auf Dreiecke, Prismen und kristalline Formen, die bei der Gesamtgestaltung eine alles verbindende Rolle spielen. „Wir sehen das von unten. Doch Hans Uhl hat das von oben gedacht und sozusagen an die Wände geworfen – unglaublich! Da oben habe ich das ja vor der Nase…“ Etwas Sphärisches habe diese Kunst. „Das wirkt ja, als sei es nicht von dieser Welt“, schwärmt Schorer – und verliert doch keine Sekunde den fachlichen Blick. 35 Jahre Erfahrung bringt er mit. „Man kann diese Kunst klar den 50er Jahren zuordnen. Und doch hat Uhl einen ganz eigenen Stil! So hab` ich Wandmalereien noch nie gesehen!“

Der Künstler habe mit Silikatfarben – sie verbinden sich mit geeignetem Untergrund chemisch besonders fest und gelten als äußerst langlebig – auf trockenen Putz gemalt. „Und Silikat ist besonders gut zu lasern“, erläutert Schorer. „Wir haben mit dieser Methode praktisch keinen Substanzverlust. Dreck wie Ruß, Staub und Fasern, etwa von Plastik- oder Fleece-Jacken, hängen an der Oberfläche. Das lasern wir weg. Alles wird direkt nach draußen über einen Schlauch abgesaugt. Und durch die starke Reflektion des silikatischen Bindemittels dringt der Laser nicht in die Malerei ein.“ Wenn man das Verfahren perfekt beherrscht. Das sagt Schorer, bescheiden wie er ist, nicht dazu.

Strahlend wie einst
Die für die Gesamtsanierung der Kirche zuständige Architektin Ursula Huber jedoch betont, was für ein derart erstaunliches optisches Ergebnis nötig ist: „Fabian Schorer hat das Gespür dafür, wie viel man mit dem Laser wegnehmen darf. Wenn man wollte oder die Methode nicht beherrschen würde, könnte man die Wandmalereien mit dem Laser ganz schnell zerstören, im Grunde löschen. Wann ist Schmutz weg, wann komme ich auf die Originalmalerei? Das muss man spüren! Außerdem muss der Restaurator ein Gefühl sowohl für den Künstler als auch für das entwickeln, was dieser zeigen wollte – und das dann umsetzen.“

Und wie erlebt Fabian Schorer die Arbeit im Vergleich zu anderen Aufträgen? „Es ist jedes Mal anders“, sagt er und blickt lächelnd am Zug der Heiligen entlang. „Nun, eine gewisse Erfahrung braucht man schon. Mit der Laserreinigung werden wir nahezu einen Zustand wie am Anfang erreichen und all die Details und Farbschattierungen sehen können, die jetzt wieder hervorkommen. Vergleicht man die Fotos aus den 50er Jahren mit den aktuellen Reinigungsresultaten, ist das faszinierend!“

Voll Freude zeigt er auf die französische Nationalheilige Jeanne d’Arc, die einst auf dem Scheiterhaufen endete: „Um Jeanne d’Arc herum erkennt man beispielsweise farblich übereinanderliegende Prismen, die von unten betrachtet wie verschwimmendes Grau, Hell- und Dunkelblau wirken. Auch die Flammen, die im roten Schein dunkel um die Heilige züngeln. Und dem Fell ihres Pferdes hat Uhl sogar Struktur verliehen! Sehen Sie das dunkel Schraffierte? Das ist kein Dreck! Da hat Uhl zur Auflockerung der Fläche nochmal draufgespachtelt. Ein intuitiver Malprozess des Künstlers. Wenn man das beim Reinigen direkt sieht – einfach toll!“

Der lebende Riss…
Künstler Hans Uhl, der sowohl den Entwurf für die Glasrosette als auch für den Altar-Baldachin der Allerheiligenkirche geschaffen hat, arbeitete jahrelang an der Bemalung (Kaseintechnik) der enormen Fläche von 355 Quadratmetern. Sie zu sanieren erfordert Ausdauer! „Auf etwa 1000 Arbeitsstunden wird es wohl insgesamt hinauslaufen“, schätzt der Diplomrestaurator. Schließlich gibt es da noch die Putzsicherung und diesen Riss im Altarraum, rechts von der bereits in herrlichem Farbglanz erstrahlenden Mariendarstellung. Vom Boden aus führt der etliche Meter lange Riss an den Heiligen Drei Königen vorbei und weiter oben durch drei quer liegende, Maria huldigende Engel.

„In den 60er Jahren ist dieser Riss aufgetaucht – und er ist nicht mehr stabil. Es war klar, dass wir da ran müssen. Mit der Denkmalschutzbehörde wurde das Verfahren abgestimmt, das Peter Turek – er hat hier die restauratorische Fachbauleitung – entwickelt hat. Und da der Riss ,lebt‘, sich also schließt und auch wieder auseinanderzieht, werden wir quasi eine Art Dehnungsfuge einbauen.“ Weshalb entstand der Riss? Schorer verdeutlicht mit erhobenen Armen, wo in der Kirche zwei Bauteile zusammentreffen und sich gegeneinander bewegen. Eine Dehnungsfuge hat man beim Bau damals nicht eingeplant, die Folgen wurden dann im Wandgemälde offensichtlich.

Aufgrund der Bauweise und Beschaffenheit der Wände unter den Malereien sind auch die Maßnahmen, die zur Putzsicherung notwendig sind, durchaus komplex! Wie bei vielen Projekten arbeitet Schorer mit Restaurator Alfons Deen, ebenfalls auf Wandmalereien und Steinobjekte spezialisiert, zusammen. Sie sind ein eingespieltes Team und haben den Riss im Altarraum bereits teilweise bearbeitet. Das Ergebnis ist erstaunlich! Künftig wird der Riss „leben“ können, jedoch mittels einer alten Technik, der „Strichretusche“ (Tratteggio), kaum sichtbar sein: Der jeweils zu imitierende Farbton wird durch nebeneinanderliegende, feine Strichlagen erzielt. Das ist genauso aufwendig, wie es klingt.

Wie kam‘s zum „Fries“?
Noch ein weiteres Erbe aus der Vergangenheit wird erhalten bleiben. „Die Wandmalereien erscheinen uns heute, als würden sie in einer Art ,Rahmen‘ stehen“, sagt Schorer und zeigt auf eine etwas dunklere Fläche unter- und oberhalb der Malereien. „Dieses ,Fries‘ entstand, weil man bei den vorangegangenen Restaurierungen die Grundfarbe an den Wänden heller gemacht hat. In den 90ern war das typisch. Ursprünglich, ohne das ,Fries‘, war der Eindruck, dass die Heiligen auf der Wand gemeinsam mit den Gläubigen einziehen, natürlich noch stärker“, sagt er mit leichtem Bedauern. Verändert wird jedoch nichts: „Die Geschichte des Objekts soll erhalten bleiben.“

Architektin Ursula Huber ist jedenfalls hin und weg: „Im Verbund mit der nach der Restaurierung nun wieder blauen Kirchendecke ist das für mich der wohl am meisten begeisternde Schritt der Maßnahmen. Die Strahlkraft dieser Wandmalereien! Man sollte sie sich bei hellem Tageslicht ansehen, da kommen die Farben, so wie Uhl sie ursprünglich gedacht hat, am besten zur Geltung!“

Wie außergewöhnlich die Wandmalereien von Professor Hans Uhl sind, unterstreicht die Zuwendung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. „Nach dem gemeinsamen Beschluss anzufragen, haben wir die Bewerbung 2024 eingereicht. Kirchenpfleger Hans-Peter Schwab hat uns dabei mächtig unterstützt“, sagt die erfahrene, primär in der Denkmalpflege tätige Architektin, dankbar. Und? Es klappte!

Stiftung gibt 50 000 Euro
Nun unterstützt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz die hochmoderne Laser-Reinigung der kulturell herausragenden Wandmalereien in der Nachkriegskirche Allerheiligen mit 
50 000 Euro. Der Stiftungsbeitrag kam durch erhebliche Unterstützung der „Glücksspirale“ zustande.

„Wir haben einen der höchstmöglichen Zuschüsse erhalten“, sagt Huber begeistert und schildert die Freude aller Beteiligten bei der Übergabe des Schecks, mit Blick auf die Wandmalereien in der Kirche. „Klar, war da ein gewisses Zittern, ob der Zuschuss wirklich kommt. Aber da die Malereien etwas ganz Spezielles sind und auch die Art wie sie 1956 angefertigt wurden…“ Sie lächelt vielsagend. „Das ist hochwertige Kunst!“

Anabel Schaffer
Fotos (generell): Tilmann Grewe