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Play Luther in der Allerheiligenkirche

Am 11.11.2022 wurde das Schauspiel „Play Luther“ vom Theater auf dem Weg in der Allerheiligenkirche aufgeführt.
Datum:
15. Dez. 2022
3 Bilder

 Ausgediente Kirche(n)?

Der Fuhrmann ist zur Beichte gekommen, Luther leiht ihm sein Ohr. Doch das Gespräch läuft alles andere als zufriedenstellend. „Warum sollte ich meine Taten bereuen?“, fragt der Kutscher ohne jede Spur von Schuldbewusstsein. Er überreicht Beichtvater Martin den Ablassbrief, erzählt, dass er einen Kollegen ermordet habe. „Warum ich das getan habe, geht Gott nix an“, findet er und zieht fuchsteufelswild wieder ab, als Luther sich weigert, ihn von seinen Sünden los zu sprechen.

„Play Luther“ heißt ein Schauspiel mit Klavierbegleitung, das kürzlich in der Nürnberger Allerheiligenkirche aufgeführt wurde und sich mit dem Leben und Wirken des großen Reformators beschäftigt. Lenny und Hoss, zwei Schauspieler-Kollegen, die im wahren Leben Alexander Ottlik und Konrad Kümmerle heißen, überlegen, ein Stück über Martin Luther auf die Bühne zu bringen – in Form eines Stückes im Stück schlüpfen sie wechselseitig in die Rolle des berühmten Theologen und dessen jeweiligen Gegenübers: sei es der Theologe Philipp Melanchthon, sei es der Künstler Lukas Cranach der Ältere, sei es seine Ehefrau Katharina von Bora, sein väterlicher Freund und Auftraggeber Johann von Staupitz – oder eben der beichtende Fuhrmann.

Voller Motivation und Eifer fühlen sich die beiden Schauspieler-Kollegen von heute hinein in die einzelnen Stationen in Luthers Leben mit all den Hochs und Tiefs, den Zweifeln, dem Hoffen, seinem Gottvertrauen und Judenhass, seinem Ringen und Hadern, seiner inneren Zerrissenheit und auch seiner Gottesfurcht. Viel Hintergrund – sowohl historischer, etwa über die Zeit der Bauernkriege, als auch über Biographie und Werdegang – erfahren die Zuschauerinnen und Zuschauer an diesem Abend; brillant gespielt, mal selbst erklärend, mal zusätzlich erläuternd, emotional und teilweise auch heiter, nehmen die beiden Schauspieler die Menschen mit auf eine Reise in die Lebenswelt Luthers. Als dieser in jungen Jahren  beispielsweise in ein Gewitter gerät, wird seine Angst vor dem Schöpfer auch fürs Publikum spürbar: „Wo soll ich hin?“, ruft er verzweifelt, „Gott sieht alles, er bestraft mich, er schickt mich in die Hölle!“ Plötzlich wieder Hoss, findet der, der eben noch den jungen Luther gespielt hat: „Die Sache hat durchaus Dramatik.“ Doch sein Gegenüber zögert noch: „Ich kann das Thema einfach nicht leiden“, sagt Lenny. Und bringt seine Kritik an der Gegenwart, auch im Hinblick auf Missbrauch und Vertuschung, ins Spiel: „Haben die Kirchen nicht einfach ausgedient?“

Immer wieder werden in diesem kompakten und zugleich unterhaltsamen Zweipersonenstück von Konrad Kümmerle, das immer wieder anknüpft an die Gegenwart, die Rollen neu verteilt, veränderte Standpunkte und Perspektiven eingenommen, die Person Luthers in all seinen Facetten im wahrsten Sinne des Wortes von allen Seiten beleuchtet. Mal Bruder Martin in der Heiligen Stadt Rom, dann im Gespräch mit Weggefährten; man spürt, wie er reift in seinen Ansichten und älter wird – um am Ende seines Lebens wieder zurück zu fallen in seine anfänglichen Ängste, nicht zuletzt vor Gott selbst. Während die Zuschauer immer mehr erahnen dürfen, wer sich hinter dem Menschen Martin Luther verborgen haben könnte, wird deutlich, dass dieser mit seinem Gott nicht im Reinen und auf der Suche gewesen sein muss – sein Leben lang. „Bloßer Gehorsam ist kein Weg“, sagt Luther an einer Stelle. „Wie können wir zuversichtlich sein, dass Gott uns nicht verstößt?“ Vielleicht sein Lebensthema überhaupt. Von vorne bis hinten, vor und zurück habe er die Bibel – zunächst ein „Buch der Qualen“ – studiert, erzählt Luther alias Lenny. „Gott will uns aus Mitgefühl zu sich nehmen, wenn wir nur an ihn glauben.“

Das Stück spart nicht mit Originaltexten und -zitaten, mit denen es großzügige Einblicke in Luthers Leben gewährt; Konzertpianistin Nathalie Babel sorgt an der Orgel mit Auszügen von Johann Sebastian Bach für gelungene Szenenübergänge. Nach einer dieser musikalischen Einlagen fragt sich Luther, der bis zu seinem Lebensende zu seinen Ansichten gestanden haben soll: „Hat sich meine Arbeit eigentlich gelohnt?“ Für die beiden Schauspieler von heute eine willkommene Möglichkeit, die eigene Haltung gegenüber den großen Glaubensfragen im Heute zu reflektieren: „Wenn ich in die Kirche gehe“, resümiert der eine, „nehme ich mir Zeit, über mein Leben nachzudenken: über meine Kinder, meine Beziehung, mich selbst, vielleicht auch über Gott.“
Ulrike Schwerdtfeger